Konzert

Wir hören u.a.:

Meister Eckhart und Suhrawardi: der Klang der Schwinge des Gabriel – hikmat al-ishraql

Komposition für vier mikrotonale Gitarren und Klavier von Michael Quell

Das Gitarrenquartett wird für dieses 2017 in Würzburg uraufgeführte Werk durch den Pianisten Ermis Theodorakis und den Klavierassistenten Maximilian Kreuzer unter dem Dirigat von Julian Habryka komplementiert.

Evryali

Solo-Klavierwerk von Iannis Xenakis aus dem Jahre 1973, gespielt von Ermis Theodorakis

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Komposition für 4 Gitarren von Joachim FW Schneider aus dem Jahr 2017.
Aufgeführt werden zudem Werke von Tiina Myllärinen („Shades“) und Maddie Ashman („Spiral Staircase“).

Wir erwarten einen musikalisch spannenden Abend:
Die Komponisten Michael Quell und Joachim FW Schneider sind anwesend und stellen sich gerne Ihren Fragen.

Die Gitarristen Jürgen Ruck, Silas Bischoff, Martin Dressler und Hubert Steiner sind weltweit gefragte Interpreten zeitgenössischer Musik. Jürgen Ruck wirkte z.B. mit in Zappas „Yellow Shark“. Für unser Konzert spielt das Bibra Guitar Quartet auf mikrotonalen Gitarren, die das Spielen von Intervallen kleiner als ein Halbton des gewohnten zwölftönigen Notensystems ermöglichen.

Die Komposition „Meister Eckhart und Suhrawardi: der Klang der Schwinge des Gabriel – hikmat al-ishraq von Michael Quell ist ein Kompositionsauftrag des Ensemble Hezarfen, Tolgahan Coğulu und Jürgen Ruck mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) gewesen und wurde 2017 in Würzburg uraufgeführt. Das Werk ist inspiriert von dem hikmat al-ishraq, dem Hauptwerk des arabischen Philoso-phen Al-Suhrawardi (1154-1191), und dem Denken des christlichen Mystikers Meister Eckhart (1260-1327). Der Komponist Michael Quell hat Überschneidungen und Gegen-sätze beider philosophischen Denkrichtungen umgesetzt und so ein Werk geschaffen, in dem „sich zunächst vordergründig klare formal-strukturelle Entwicklungen, die auf den ersten Blick an einen Zeitstrahl europäischer Provenienz erinnern, zunehmend und zu-gleich immer wieder als zyklisch, mit der altorientalischen Vorstellung eines Kreislauf-denkens der Zeit verknüpfen“.

Der Dirigent Julian Habryka studierte an der Hochschule für Musik Würzburg Schulmusik, Komposition sowie Musiktheorie. Von 2014 bis 2016 setzte er seine kompositorische Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater München fort und ist seit 2019 als Dozent für Musiktheorie und Gehörbildung an der Hochschule für Musik Detmold tätig.

Der Pianist Ermis Theodorakis studierte Klavier, Komposition sowie Musikwissenschaft an der Universität Athen, am Konservatorium Amsterdam und an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Seit 1994 verfolgt er eine internationale Konzerttätigkeit mit besonderer Affinität zu komplexen Richtungen der zeitgenössischen Musik.

In der Alten Dorfkirche spielt Ermis Theodorakis das Solo-Klavierwerk Evryali, das chronologisch zweite der drei großen Werke von Iannis Xenakis für Klavier aus dem Jahre 1973, – ein Werk, das von hochkomplexer berauschender Polyphonie geprägt ist und dem Interpreten eine außergewöhnliche Virtuosität abverlangt.
Weitere Informationen unter: www.ermis-theodorakis.com

Werkkommentar Michael Quell:

Meister Eckhart und Suhrawardi: Der Klang der Schwinge des Gabriel – hikmat al-ishraq

Hartnäckig hielt sich in der westlichen Philosophiegeschichtsschreibung die Legende vom Ende der arabischen Philosophie mit dem Tode Averroes im Jahr 1198. Zwar wurde die enorme Bedeutung arabischer philosophischer Schriften für die lateinische Scholastik im Kontext der Übersetzungen der Aristoteleskommentare aus dem Arabischen durchaus gesehen, dennoch wurde sie klischeehaft auf ausschließlich diese Brückenfunktion reduziert. Die Erkenntnis, dass es sich hierbei um eine völlig eigenständige, auf der Grundlage aristotelischer Logik stehende Philosophie handelt, die voll und ganz auf Augenhöhe zu der der westlichen Welt steht und mit dieser bis ins 19. Jh. hinein weitgehend parallel läuft, hat sich hingegen in Europa erst in den letzten 15 Jahren wirklich etabliert.

Die Gestalt Al-Suhrawardi (Abu I-Futuh Shihab al-Din Yahya ibn Habash ibn Amirak al-Suhrawardi, 1154-1191) fasziniert mich dabei in besonderer Weise. Einerseits erweist er sich insbesondere in dessen Hauptwerk, dem hikmat al-ishraq (Philosophie der Erleuchtung) als der präzise analytische Denker, der die gesamte antike Philosophie rezipiert hat und in seinem zweifelsohne ausgesprochen komplexen philosophischen Gedankengebäude zu ganz eigenen Lösungen kommt, die bisweilen durchaus weit in die Zukunft weisen ( wie z.B. dessen Materiekonzeption).

Andererseits und zugleich betritt er in seinen allegorischen Erfahrungstexten einen ganz anderen Raum, es ist der des Sufi und des Mystikers wie etwa in Avaz-i par-i Djabra’il (der Klang bzw. das Rauschen der Flügel des Gabriel). In dieser Angelologie postuliert er über die bisherigen sieben beschriebenen Himmelshierarchien hinaus eine achte, die über ein (hypothetisches) weiteres Sinnesorgan zu erreichen wäre. Diesen Sinn nennt er aktive Imagination. Diese öffne „einen Weg der Erkenntnis, der den Menschen über sein zeiträumliches Bewusstsein hinaus“ führe.

Es ist gerade die Ambivalenz dieser beiden, zunächst erst einmal so gegensätzlich anmutenden Bereiche und Konzepte in Suhrawardis Denken, die mich dabei künstlerisch in hohem Maße inspiriert hat und die zur eigentlichen Triebfeder der Komposition wurde. Hinzu kommen die auffallenden Bezüge zum aus heutiger Perspektive in vielerlei Hinsicht ausgesprochen modernen Denken des christlichen Mystikers Meister Eckhart (1260-1327) und dessen Ideen zur Überwindung des Eigenwillens sowie auch und gerade des Postulats der Einheit von Gott und Mensch, bei gleichzeitiger klarer Differenz des Zeitdenkens beider.

So erwächst zu Beginn des Werks aus dem vermeintlichen Nichts heraus bzw. aus einem Minimalmaterial, einem gleichmäßig in Vierteln repetierten Ton d nach und nach ein zunehmend komplex strukturiertes Netzwerk, das einerseits das 1/6-tönige Ton- und Klangmaterial immer weiter erschließt und sich andererseits auf rhythmischer Ebene stets weiter verzweigt. Nach dem plötzlichen Umkippen dieser Entwicklung in eine Phase sehr dichter kammermusikalischer Interaktion, die schließlich in eine aperiodische Zirkulationsbewegung und später in einen Part, den man am ehesten als spektrale Klangsinfonie über den Ton Es1 bezeichnen könnte, mündet, erweisen sich diese zunächst vordergründig klaren formal-strukturellen Entwicklungen, die auf den ersten Blick an einen Zeitstrahl europäischer Provenienz erinnern, zunehmend und zugleich immer wieder als zyklisch, mit der altorientalischen Vorstellung eines Kreislaufdenkens der Zeit verknüpft.

Ganz Ähnliches wie das zugrundeliegende Zeitkonzept gilt für das Verhältnis von Linearität und (verselbständigtem) Klang, für Statik und Dynamik, Struktur und Strukturauflösung sowie für Zeit und Zeitlosigkeit innerhalb einer sehr speziellen, multipel verzahnten Gesamtdramaturgie.

Das Werk ist ein Kompositionsauftrag des Ensemble Hezarfen, Tolgahan Coğulu und Jürgen Ruck mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und wurde 2017 in Würzburg uraufgeführt.

Michael Quell

www.michael-quell.de

Fotobeschreibung: v.li. n. re.: Silas Boschoff, Martin Dressler, Hubert Steiner, Jürgen Ruck

Konzert im Miltenberger Kulturwochenherbst 2026

BIBRA GUITAR QUARTET
SO., 20.09., 17.00 UHR

Alte Dorfkirche
Hauptstraße 42
63840 Hausen

Eintritt: 20,- € / ermäßigt: 15,- €
Schüler & Stud.: 10,- € / Ehrenamt: 18,- €

>>> Vorverkauf und Infos vom Landratsamt Miltenberg <<<

Der Gitarrist Jürgen Ruck prägt seit über drei Jahrzehnten die zeitgenössische Musik als Solist, Kammer- und Ensemblemusiker und pflegt eine enge Verbindung mit dem Ensemble Modern und den Berliner Philharmonikern. Mit dem EM wirkte er u.a. bei der Uraufführung von Zappas „Yellow Shark“ mit. Er ist Vizepräsident der Hochschule für Musik Würzburg und betreut dort eine erfolgreiche Gitarrenklasse.

Silas Bischoff, geboren 1996 in Pforzheim, studierte klassische Gitarre bei Jürgen Ruck an der Hochschule für Musik Würzburg, wo er seit Oktober 2021 als Lehrbeauftragter für Gitarre tätig ist. Mit der Jungen Deutschen Philharmonie und dem Dirigenten Ingo Metzmacher konzertierte er u.a. in der Elbphilharmonie Hamburg.

Der deutsch-mexikanische Gitarrist Martin Dressler studiert derzeit bei Jürgen Ruck an der HfM Würzburg. Schwerpunkte seiner internationalen Karriere sind die Kammermusik und die Neue Musik. Künstlerisch geprägt hat ihn die Zusammenarbeit mit Komponist: innen wie Helmut Lachenmann, Klaus Ospald, Hilda Paredes und Herbert Vázquez.

Hubert Steiner, 1973 in Traunstein geboren, studierte an der HfM Würzburg bei Jürgen Ruck und lehrt auch dort. Als vielfach ausgezeichneter Gitarrist konzertiert er weltweit u.a. mit dem Klangforum Wien, den Wiener Symphonikern und den Bamberger Symphonikern. Steiner gehört zu den gefragtesten Gitarristen im Bereich der zeitgenössischen Musik.

Werkkommentar zu Iannis Xenakis‘ „Evryali“ (1973)

Evryali ist das chronologisch zweite der drei großen Werke Xenakis‘ für Klavier. Wie auch mehrere Werktitel von Xenakis, erweckt auch dieser mehrfache Assoziationen: Evryali (auch Euryale) ist eine der Gorgonen der griechischen Mythologie; zugleich lautet die etymologische Bedeutung „breites Meer“.

Drei Texturtypen bzw. strukturelle Ideen, die auch im gesamten Schaffen von Xenakis charakteristisch sind, tauchen in diesem Werk auf:

  1. a) die Statik (Anwendung von rhythmischen Kombinationen an fixierten Tonhöhengruppen)
  2. b) der Punktualismus (zeitliche Distribution des Tonhöhenmaterials und der Dynamiken mit stochastischen Mitteln)
  3. c) die Arboreszenzen (eine Art komplexer Polyphonie bzw. Überlagerung von Linien mit Verzweigungen, die Baumstrukturen ähneln).

Die drei Texturen wechseln sich im Laufe des Werkes meistens sukzessiv ab (seltener erklingen sie gleichzeitig) und mit Verdichtungs- und Auflockerungsprozessen bauen sie einen komplexeren formalen Ablauf auf. Im Gegensatz dazu wird der Rhythmus auf ein Minimum reduziert (stets wiederholende 16-tel-Impulse), was dem Werk seinen besonderen Charakter verleiht.

© Ermis Theodorakis

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